Dementenbetreuung

Veröffentlicht am 19.11.2008 von Günther Steinhoff

Spezieller Umgang mit dementen Bewohnern

Gedicht
Ich sehe in Dein Gesicht…

Ich sehe in Dein Gesicht
sehe die Starre
und Ausdruckslosigkeit Deines Blickes,
die zur Maske
verzerrten Gesichtszüge,

die Hände, die mich abwehren
oder sich schutzbedürftig mir entgegenstrecken.

Ich höre Deine unartikulierten Worte
und Dein unmotiviertes
Lachen oder Greinen.

Ich denke
was war es und was ist es für ein Mensch?

Du warst einmal schön,
durch Deine greisenhafte Grimasse
kann ich Dein schönes Gesicht sehen.

Du hast Hände, die verraten,
dass du zupacken und streicheln kannst.

Du willst Dich mit mir unterhalten,
ich verstehe Deine Worte nicht,
aber ich verstehe Dich.

Du bist ein Mensch,
der meine Achtung verdient,
denn Du hast viel
in Deinem Leben geleistet.

Du bist ein Mensch,
der meine Aufmerksamkeit
und Zuwendung verdient,
denn Du bist hilflos und schwach.

Du bist ein Mensch,
der mich lehrt, wie wandelbar
ein Lebensweg sein kann.

Auch morgen schon kann ich so abhängig von der
Fürsorge anderer Menschen
und hilflos wie Du sein.

(Ingrid Popp, 1998)

Als erstes Altenpflegeheim in der Region Hannover hat die Seniorenpension Zeug in der Pflegesatzverhandlung am 03.11.2008 über Leistungen der vollstationären Pflege eine Vereinbarung mit den Pflegekassen über Betreuungskräfte für demenzkranke Heimbewohner nach § 87b Abs. 3 SGB XI abgeschlossen.

Seit Gründung der Seniorenpension Zeug im Jahr 1986 haben wir uns die fachgerechte Pflege, soziale Betreuung und Versorgung insbesondere älterer Menschen zur Aufgabe gemacht. Durch die stetige Zunahme demenziell erkrankter Menschen, die eine besondere von den üblichen Leistungen abweichende Pflege und Begleitung benötigen, wurde unser allgemeines Pflegekonzept um dieses spezielle für alle in unserer Einrichtung lebenden demenziell erkrankten Bewohnern ergänzt. Unser erklärtes Ziel ist es, den demenziell erkrankten Bewohnern ein Zuhause und ein Wohlbefinden in Geborgenheit zu bieten, das an deren individueller Biografie anknüpft.

Wir orientieren uns im Schwerpunkt an den Stadien der demenziellen Erkrankung, den damit einhergehenden Bedürfnissen und den sich verändernden Fähigkeiten. Um diese Ansprüche umzusetzen, verpflichtet sich die Seniorenpension Zeug den Pflegefachkräften die dafür notwendigen Grundlagen mittels Fortbildungsmaßnahmen zu vermitteln. Die Pflegefachkräfte tragen ihre Kenntnisse an alle Mitarbeiter weiter, die direkt und indirekt an Pflege- und Betreuungsleistungen beteiligt sind. Grundlage unseres pflegerischen Handelns ist das Pflegemodell nach Frau Professor Monika Krohwinkel. In unserem Pflegeleitbild haben sich alle Mitarbeiter zu gemeinsamen Grundsätzen pflegerischen Handelns und zur emphatischen Begleitung demenziell erkrankter Bewohner verpflichtet. Als zusätzliches Assesment-Instrument dient die Cohen-Mansfield-Skala, die halbjährlich evaluiert wird.

Die demenziell erkrankten Bewohner leben in unserer Einrichtung integrativ mit den anderen nicht an Demenz erkrankten Bewohnern zusammen. Ergänzt erhalten sie eine spezielle Betreuung durch geschulte Präsenzkräfte, die den Richtlinien vom 19. August 2008 des Bundesministerium für Gesundheit gem. § 87b Abs. 3 SGB XI entsprechen. Die Betreuungsleistungen orientieren sich an bisherigen ,,normalen”, individuellen und biografieorientierten Tagesgestaltung der Bewohner.

Näheres wird in unserem Pflege- und Betreuungskonzept im Unterpunkt ,,Anforderungen an die Präsenzkraft zum Umgang mit Demenz erkrankten Bewohnern” erklärt. Vor Aufnahme des Betroffenen wird den Angehörigen die spezielle Pflege- und Betreuungsleistung für demenziell erkrankte Bewohner erläutert und die Akzeptanz abgeklärt. Im Besonderen wird dem Betroffenen und seinen Angehörigen die Biografie- und normalitätsorientierte Pflege und Begleitung erklärt. Sie werden gebeten, den allgemeinen Biografiebogen bis zur Aufnahme möglichst vollständig ausgefüllt mitzubringen. Im Aufnahmegespräch werden anschließend alle noch offenen pflegerelevanten Daten ergänzt.

Orientiert an den wissenschaftlichen Erkenntnissen werden dann zunächst vorläufige Pflege- und Betreuungsleistungen geplant. Nach einer ca. acht- bis zehnwöchigen Phase der Beobachtung und Erhebung, folgt schließlich die konkrete Pflege- und Betreuungsplanung. Wenn die Angehörigen des Bewohners es zulassen, werden sie während der Eingewöhnungsphase und auch im weiteren Verlauf mit in die Betreuungsmaßnahmen einbezogen.

Um den demenziell erkrankten Menschen ein größtmögliches Maß an Wohlbefinden zu ermöglichen, knüpft die Pflege- und Betreuung, alle weiteren Versorgungsangebote an die vorhandenen Fähigkeiten und Bedürfnisse, sowie an die biografischen Lebensgewohnheiten an. Bei der Einbindung der vorhandenen Fähigkeiten versuchen wir die von den Betroffenen oft als bedrohlich erlebte Überforderung zu vermeiden, um dadurch ein Vertrauensverhältnis zu schaffen. Regelmäßige Pflegevisiten und Fallbesprechungen stellen sicher, dass eine fachgerechte, an den Bedürfnissen und dem Bedarf orientierte Pflege und Begleitung erbracht und der Pflegeprozess den sich verändernden Fähigkeiten und Gegebenheiten angepasst wird.

Anforderungen an die Präsenzkraft zum Umgang mit Demenz erkrankten Bewohnern

Definition:
Demenz Die diagnostischen Kriterien für eine Demenz beinhalten Kombinationen von Defiziten in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, die zu einer Beeinträchtigung von sozialen und beruflichen Funktionen führen. Als Leitsymptom gilt die Gedächtnisstörung. Am Anfang der Erkrankung stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit. In ihrem weiteren Verlauf verschwinden auch bereits eingeprägte Inhalte des Langzeitgedächtnisses, so das die Betroffenen zunehmend die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten verlieren.

Ziele:
Enge Kooperation und fachliche Absprache mit den Pflegefachkräften und Pflegeteams. Betreuungs- und Lebensqualität von Heimbewohnern verbessern, die infolge demenzbedingter Fähigkeitsstörungen, psychischer Erkrankungen oder geistiger Behinderung dauerhaft erheblich in ihrer Alltagskompetenz eingeschränkt sind und deshalb einen hohen allgemeinen Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf haben. Ihnen soll durch mehr Zuwendung, zusätzliche Betreuung und Aktivierung eine höhere Wertschätzung entgegen gebracht, mehr Austausch mit anderen Menschen und mehr Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ermöglicht werden.

Grundsätze der Arbeit:
Die Präsenzkraft soll die betroffenen Bewohner betreuen und aktivieren. Als Betreuungs- und Aktivierungsmaßnahmen kommen Maßnahmen und Tätigkeiten in Betracht, die das Wohlbefinden, den physischen Zustand oder die psychische Stimmung der betreuten Menschen positiv beeinflussen können. Die Aufgabe der Präsenzkraft ist es, die betroffenen Bewohner zum Beispiel zu folgenden Alltagsaktivitäten zu motivieren und sie dabei zu betreuen und zu begleiten:

Malen und Basteln

Haustiere füttern und pflegen

Anfertigen von Erinnerungsalben

Musik hören, musizieren, singen

Brett- und Kartenspiele

Spaziergänge und Ausflüge

Bewegungsübungen

Gottesdienste

Lesen und Vorlesen

Generell ist anzumerken, dass alle aufgezählten Aktivitäten im Einzel- oder Gruppenrahmen stattfinden können. Darüber hinaus sollte die Präsenzkraft den Bewohnern für Gespräche über Alltägliches und ihre Sorgen zur Verfügung stehen, ihnen durch ihre Anwesenheit Ängste nehmen sowie Sicherheit und Orientierung vermitteln.

Prävention

Isolation
Zur Prävention einer drohenden oder einer bereits eingetretenen sozialen Isolation sind Gruppenaktivitäten für die Betreuung und Aktivierung das geeignete Instrument. Bewohner, die laut ihrer Biografie den sozialen Kontakt meistens oder immer gemieden haben, sind ein typisches Beispiel sozialer Isolation. Hier gilt es den Bewohner mit viel Einfühlungsvermögen zu motivieren an Gruppenangeboten teilzunehmen. Eine genaue Dokumentation ist hierbei von hoher Wichtigkeit. Generell zählt aber, dass der Bewohner nicht zur Teilnahme genötigt wird. Durch Einbeziehen der Angehörigen in den Betreuungsprozess können demenzkranke Bewohner zeitweise zur Teilnahme an Gruppenaktivitäten angeregt werden. Zeitweise oder ständige Bettlägerigkeit ist ebenfalls eine hohe Gefahr sozialer Isolation. Hier ist eine regelmäßige Einzelbetreuung anstrebenswert.

Weitere Auslöser der Isolation
Auslöser einer Isolation und deren Folgen sind vielfältig. Hier werden einige benannt.

Unsicherheit, Ratlosigkeit, Einsamkeit, Zorn, Angst, Trauer, Sprachlosigkeit, Langeweile, Scham, Schlaflosigkeit, Rastlosigkeit, Gelassenheit, Anspannung, Unruhe, Orientierungslosigkeit, Resignation und Misstrauen.

Sehr oft treten bei an Demenz erkrankten Bewohnern mehrere Faktoren gleichzeitig auf.

Um eine fachlich qualifizierte Begleitung sicher zu stellen, vor allem für Bewohner mit o. g. Verhaltensauffälligkeiten, arbeiten wir eng mit den betreuenden Hausärzten zusammen.

Es wird zunächst im Rahmen von Fallbesprechungen nach möglichen Ursachen gesucht und z. B. überprüft, ob das gezeigte Verhalten durch ein nicht angepasstes Milieu entstanden ist. Um die Zufriedenheit der Bewohner und Angehörigen sicher zu stellen, wird in jedem Quartal ein gemeinsames Zusammentreffen von Bewohnern, Angehörigen und Mitarbeitern angeboten. Zusätzlich können Angehörige und Betreuer ihr Anliegen an die Pflegedienstleitung herantragen.


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